Auch dem oberflächlichen Leser der Evangelien ist bekannt, dass der Streit darum, was zum Sabbat gehört und was nicht, im Zentrum der Auseinandersetzung Jesu mit dem Volk Israel seiner Zeit steht. Die übliche Auslegung geht dahin, zu sagen, dass Jesus eine engstirnige legalistische Praxis aufgebrochen und stattdessen eine großzügigere, freiheitlichere Sicht geschenkt habe, die einem vernünftigen, situationsgemäßen Handeln die Tür auftue …
Die Sätze, die unmittelbar der Sabbatgeschichte vorausgehen lauten so: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig: So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht" (Mt 11,28-30). Gewöhnlich wird dies von der Idee des liberalen Jesus her, also moralistisch ausgelegt: Die liberale Gesetzesauffassung Jesu erleichtert das Leben gegenüber dem „jüdischen Legalismu“. Sehr überzeugend ist freilich diese Auslegung in der Praxis nicht, denn die Nachfolge Christi ist nicht bequem - gerade das hatte Jesus auch nie behauptet. Aber was dann? …
Durch das Thema der Ruhe und das damit zusammenhängende. Thema von Mühsal und Last ist der Text der Sabbatfrage zugeordnet. Die Ruhe, um die es geht, hat nun mit Jesus zu tun. Jesu Lehre vom Sabbat erscheint nun gerade im Zusammenklang dieses Rufes und des Wortes vom Menschensohn als dem Herrn des Sabbat.
Neusner fasst den Inhalt des Ganzen so zusammen: „Mein Joch ist leicht, ich gebe euch Ruhe, der Menschensohn ist wahrhaftig Herr über den Sabbat, denn der Menschensohn ist jetzt der Sabbat Israels - so handeln wir wie Gott“ (S. 90) …
Damit ist der eigentliche Kernpunkt des Streits bloßgelegt. Jesus versteht sich selbst als die Tora – als das Wort Gottes in Person. Der gewaltige Prolog des JohannesEvangeliums „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott" sagt nichts anderes, als was der Jesus der Bergpredigt und der Jesus der synoptischen Evangelien sagt. Der Jesus des vierten Evangeliums und der Jesus der Synoptiker ist ein und derselbe: der wahre „historische“ Jesus.Der Kern der Sabbat-Streitigkeiten ist die Frage nach dem Menschensohn - die Frage nach Jesus Christus selbst …Nun stellt sich hier auch schon für den Christen die Frage: War es gut, die große soziale Funktion des Sabbat zu gefährden, Israels heilige Ordnung aufzubrechen zugunsten einer Jüngergemeinschaft, die sozusagen allein von der Gestalt Jesu her definiert wird? Diese Frage könnte und kann sich erst in der sich entfaltenden Jüngergemeinschaft - der Kirche - klären. Dieser Entfaltung können wir hier nicht nachgehen. Die Auferstehung Jesu -„am ersten Tag der Woche“ brachte es mit sich, dass nun für die Christen dieser „erste Tag“ - der Schöpfungsbeginn - zum „Herrentag“ wurde, auf den dann - in der Tischgemeinschaft mit Jesus - von selbst die wesentlichen Elemente des alttestamentlichen Sabbat übergingen.(Jesus von Nazareth, 138-145)  
Papst Benedikt XVI