Text   Anmerkung 
Merkwürdigerweise wird in den christlichen Traditionen, besonders den westkirchlichen, die Schöpfung meistens nur als das „Sechstagewerk“ dargestellt. Die „Vollendung“ der Schöpfung durch den „siebten Tag“ wird stark vernachlässigt oder gar übersehen, so als sei für christliche Theologie mit Jesu Übertretung des Sabbatgebotes durch Heilung von Kranken an diesem Tag sowohl das Sabbatgebot Israels wie auch der Sabbat der Schöpfung außer kraft gesetzt und abgetan. Darum wird Gott als der in seinem Wesen nur „schöpferische Gott“ (…) aufgefaßt, und daraus folgt, dass auch die Menschen nur darin sich als dieses Gottes Ebenbild verstehen können, wenn sie zu „schöpferischen Menschen“ werden. Der im Sabbat „ruhende Gott“, der segnende und feiernde Gott, der sich seiner Schöpfung erfreuende und sie dadurch heiligende Gott tritt dahinter zurück. Deshalb wird auch für die Menschen der Sinn ihres Lebens mit Arbeiten und Schaffen identifiziert und die Ruhe, das Fest und ihre Freude am Dasein als nutzlos in die Sinnlosigkeit verbannt. (Gott in der Schöpfung, 279f.)
Und doch ist erst der Sabbat die Vollendung und die Krone der Schöpfung. (Gott in der Schöpfung, 20)
Der Sabbatfriede ist zuerst der Friede mit Gott, aber dieser Gottesfriede umfasst nicht nur die Seele, sondern auch den Leib, nicht nur die Einzelnen, sondern auch die Familie und das Volk, nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere, nicht nur die Lebewesen, sondern auch, wie die Schöpfungsgeschichte sagt, die ganze Schöpfung des Himmels und der Erde. Darum eröffnet der Sabbatfriede auch den „Frieden mit der Natur“, nach dem heute viele Menschen angesichts der wachsenden Umweltzerstörung fragen. Es wird jedoch keinen „Frieden mit der Natur“ geben ohne die Erfahrung und die Feier des Sabbat Gottes. (Gott in der Schöpfung, 280)
Den Sabbat heiligen, d.h. ganz frei werden vom Streben nach Glück und vom Willen zur Leistung und ganz in der Gegenwart Gottes da sein: Allein durch Gott - allein durch Gnade - allein durch Vertrauen wird der Sabbat geheiligt. Die Sabbatruhe kann als die jüdische „Rechtfertigungslehre“ angesehen werden. Wer Israel am Sabbat sieht, kann Israel keine „Werkgerechtigkeit“ vorwerfen. Auf der anderen Seite ist darum der christliche Rechtfertigungsglaube vergleichsweise als die christliche „Sabbatruhe“ zu verstehen. (Gott in der Schöpfung, 288)
Die anthropozentrische Weltanschauung, nach der Himmel und Erde um des Menschen willen geschaffen sind und der Mensch „die Krone der Schöpfung“ ist, wird zwar von ihren Vertretern wie von ihren Kritikern als „biblische Tradition“ ausgegeben". Sie ist aber unbiblisch, denn nach biblischen, jüdischen und christlichen Traditionen hat Gott die Welt aus Liebe um seiner Herrlichkeit willen geschaffen, und die „Krone seiner Schöpfung“ ist nicht der Mensch, sondern der Sabbat. Der Mensch hat als Bild Gottes zwar seine Sonderstellung in der Schöpfung, steht aber zusammen mit allen irdischen und himmlischen Geschöpfen im Lobpreis der Herrlichkeit und im Genuss des sabbatlichen Wohlgefallens Gottes. Auch ohne den Menschen rühmen die Himmel des Ewigen Ehre. Dieses theozentrische Weltbild der Bibel gibt dem Menschen mit seiner Sonderstellung im Kosmos die Möglichkeit, sich als Mitglied der Schöpfungsgemeinschaft zu verstehen. Die christliche Theologie muss also den Schöpfungsglauben von jener modernen anthropozentrischen Weltanschauung befreien, wenn sie die ihm entsprechende Weisheit im Umgang mit der Natur wiederfinden will. (Gott in der Schöpfung, 45)

Lässt der Sabbat Israels auf die Schöpfungswerke Gottes und die eigene Wochenarbeit der Menschen zurückblicken, so blickt das christliche Fest der Auferstehung nach vorn in die Zukunft einer neuen Schöpfung …. Wenn wir die Gewichte des „Vollendens“ und des „Anfangens“ auf diese Weise auf den „siebten Tag“ und auf den „ersten Tag“ verteilen dürfen, dann ist der Tag der Vollendung der Schöpfung offen für den Tag der neuen Schöpfung, und der erste Tag der neuen Schöpfung setzt den Tag der Vollendung der ursprünglichen Schöpfung voraus … Die Trennung des Christentums vom Judentum und die damit verbundene Abwertung und Auslöschung des Judenchristentums, dem das Weltchristentum immerhin seinem Ursprung nach alle Schriften des Neuen Testamentes verdankt, hat den Tag des christlichen Auferstehungsfestes zum „Sonntag“ gemacht und damit wesentlich paganisiert. Will man diese Paganisierung wieder aufheben, dann muss man den Anschluss des christlichen „Tag des Herrn“ an den Sabbat Israels wieder suchen. Es ist eine christliche Form der Sabbatheiligung zu finden. Dafür wäre es in der Praxis sinnvoll, den „Sonnabend“ vor dem „Sonntag“ in eine Sabbatstille ausmünden zu lassen …Der Sonntag wird dann wieder zum authentischen Tag des christlichen Auferstehungsfestes, wenn es gelingt, einen christlichen Sabbat am Abend zuvor zu feiern. Der Tag der neuen Schöpfung setzt auch den ökologischen „Ruhetag“ der ursprünglichen Schöpfung voraus, wenn die neue Schöpfung die ursprüngliche Schöpfung vollenden und nicht zerstören soll. Der ökologische Ruhetag soll ein Tag ohne Umweltverschmutzung, ohne Autofahren sein, damit auch die Natur ihren Sabbat feiern kann. Das Christentum feiert die messianischen Feste der Heilsgeschichte Christi. Es kennt nicht das Fest der Schöpfung. Das Judentum feiert die Feste seiner Heilsgeschichte, aber es feiert vor allem den Sabbat der Schöpfung. Es ist in der ökologischen Krise der modernen Welt notwendig und an der Zeit, daß sich auch das Christentum auf den Sabbat der Schöpfung besinnt. (Gott in der Schöpfung, 297f.)