"Das Gebot der Sabbatheiligung ist, wörtlich verstanden, teilweise ein Sittengebot, teilweise eine Kultverordnung. Sittengebot ist es, insofern der Mensch eine bestimmte Zeit in seinem Leben festlegen soll, in der er für das Göttliche frei ist. Denn der Mensch trägt in sich die natürliche Neigung, für jede notwendige Angelegenheit eine bestimmte Zeit festzusetzen, z.B. für die körperliche Erholung, den Schlaf und dergleichen mehr. Darum legt er auch für die geistige Abspannung, in der seine Seele sich in Gott erneuert, nach der Entscheidung der natürlichen Vernunft eine bestimmte Zeit fest. Und in dieser Form eine bestimmte Zeit freimachen, um sich mit göttlichen Dingen zu beschäftigen, fällt unter das Sittengebot. Sofern jedoch in diesem Gebot eine genaue Zeit zur Erinnerung an die Weltschöpfung angesetzt ist, ist es seine Kultverordnung …" "Die Heiligung des Sonntags im Neuen Testamente hat die Beobachtung des Sabbats abgelöst, nicht kraft einer Gesetzesvorschrift, sondern durch kirchliche Bestimmung und Gewohnheit des christlichen Volkes …"   Mit Thomas von Aquin (1225-1274) erreicht die mittelalterliche Theologie ihren Höhepunkt. Sein Hauptanliegen ist es – gemäß dem Motto „Die Gnade zerstört nicht die Natur, sondern vollendet sie“ – , die Verbindung von natürlicher Vernunft und christlicher Offenbarung herauszustellen.
Dieser Grundsatz bestimmt auch seine Ethik. In Bezug auf den Sabbat folgt daraus: Das Sabbatgebot leuchtet der menschlichen Vernunft ein. Es macht Sinn, dass der Mensch an einem Tag in der Woche die Arbeit beiseite legt und sich an seinen Schöpfer erinnert. Allerdings kann die Vernunft nicht festlegen, welcher Tag als ein solcher Ruhetag begangen werden soll. Das ist aber auch nicht wichtig. Zwar bestimmen die Zehn Gebote den Sabbat. Aber das gehört zu den zeitbedingten Kultverordnungen des Alten Testaments und nicht zum ewigen Sittengesetz der Vernunft. Daher kann die Kirche den Ruhetag frei festlegen.