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Bibeltext  Anmerkung 
16 So laßt euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats.  In Kol.2,16 ermahnt Paulus die Gemeinde in Kolossä, sich von niemandem wegen Festen, Neumonden und Sabbaten richten zu lassen. Die Aufzählung, Fest, Neumond und Sabbate erscheint bereits in der Septuaginta (1.Chr.23,31; 2.Chr.2,3; 2.Chr.8,13; 2.Chr.31,3; Neh.10,34; Hes.45,17). Dabei stehen die Sabbate für die wöchentlichen Ruhetage – und nicht nur für die herausragenden Feiertage des jüdischen Festkalenders wie z.B. Jom Kippur, der „große Versöhnungstag“ (Lev.16,31; 23,32). Außerdem kann der Plural Sabbate auch sonst den wöchentlichen Sabbat bezeichnen (LXX: Ex.16,23.25; 20,8; Dtn.5,12; Jer.17,21.22; Hes.46,1; NT: Mt.12,1; 28,1; Lk.4,16).
Die Fragen um Feste, Neumonde und Sabbate sind Teil einer „Philosophie“ (Kol.2,8). Aus dem Zusammenhang des Kolosserbriefs lassen sich weitere Bestandteile dieser Philosophie rekonstruieren:
* Sie gründet sich auf die Elemente der Welt (Kol.2,8).
* Sie ist mit einer Verehrung der Engel verbunden (Kol.2,18a).
* Man beruft sich auf (geheime) Offenbarungen (Kol.2,18b).
* Sie spricht Tabus aus – vor allem im Zusammenhang mit dem Essen – und führt zu einer asketischen Lebenshaltung (Kol.2,16a.21-23).
Was sind die „Elemente der Welt“? In der Antike wurden damit zunächst die vier „(Ur)Elemente“ Erde, Wasser, Luft und Feuer bezeichnet, aber auch die Gestirne und Sternbilder. Letztere konnten personifiziert und als Götter bzw. Geister verstanden werden, woraus sich die Vorstellung von Gestirngeistern ergab. Im Judentum wurden die Gestirne zwar nicht mit Gott, aber mit den Engeln in Verbindung gebracht.
Diesen „Elementen“ musste die schuldige Verehrung erwiesen werden, indem man ihre Gesetze und Vorschriften peinlich genau beachtete. Dazu gehörte eine asketische Lebensweise (vgl. Kol.2,20-23), die vor allem in einem Verzicht auf Fleischverzehr und Weingenuss bestand. Im Judentum war die Verehrung der Gestirne mit einer Kalenderfrömmigkeit verbunden (vgl. die Aussagen bei Hippolyt, Widerlegung aller Häresien IX, 16, 1-3).
Die Anhänger dieser Philosophie wurden durch einen Initiationsritus in die kosmischen Geheimnisse eingeführt. Darauf bezieht sich vermutlich der Relativsatz „was er geschaut hat“ (Kol.2,18).
Inwiefern ist also hier der Sabbat angesprochen? Eduard Lohse führt dazu in seinem Kommentar zum Kolosserbrief folgendes aus: „Die Forderung, Fest, Neumond und Sabbath zu halten, wird hier nicht von der Thora her begründet, nach der der Sabbath Israel zum Zeichen seiner Auserwählung aus den Völkern gegeben ist. Sondern die Tage müssen um der Elemente der Welt willen beachtet werden, die den Lauf der Sterne lenken und daher auch die Ordnung des Kalenders genau vorschreiben ... Weil Engelmächte über die Ordnung des Kosmos und die Bahnen der Gestirne wachen, müssen die ihnen zugehörigen heiligen Zeiten beachtet und die Satzungen, die in einer Reihe von Tabuvorschriften niedergelegt sind, befolgt werden.” (170f.)
Wie aber ist das Werturteil von 2,17 zu verstehen? Darin werden die in 2,16 genannten Dinge als „Schatten des Zukünftigen“ bezeichnet, denen der Leib Christi gegenübersteht. Die Begriffe „Schatten“ und „Leib“ erinnern an die platonische Philosophie, nach der das wahre Sein nur den Ideen zukommt und nicht den Schatten, die sie in diese Welt hineinwerfen und die sich unserer sinnlichen Wahrnehmung darbieten.

Fasten und Kalenderfrömmigkeit als Dienst an den „Elementen der Welt“ stehen demnach auf der Seite des Schattens. Damit wird vermutlich die kolossische Philosophie richtig wiedergegeben, die mit Hilfe des Abbilds in der Zukunft zum Urbild, zur „Fülle der Gottheit“ (Kol.2,9) Zugang zu gewinnen versuchte. Im Unterschied zu dieser Philosophie betont der Kolosserbrief: In Christus „wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol.2,9). Daher hat der Versuch, sich durch Askese und Kalenderfrömmigkeit Gott zu nähern, jede Daseinsberechtigung verloren.