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Bibeltext  Anmerkung 
16 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen.
17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2):
18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen,
19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«
20 Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn.
21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren. 
Im Zusammenhang des Lukasevangeliums hat die Antrittspredigt Jesu in Nazareth „programmatische Bedeutung“. Während Markus nach dem Hinweis auf den Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa dessen Botschaft sogleich mit den Worten „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk.1,15; vgl. Mt.4,17) kurz zusammenfasst und damit sein Programm vorstellt, bringt Lukas an gleicher Stelle die Predigt Jesu in Nazareth.
Im Rahmen des synagogalen Gottesdienstes fand eine Lesung aus den Propheten statt. Sie konnte von jedem männlichen Israeliten vorgenommen werden. Die Auswahl des Textes war freigestellt. Eine Predigt, konnte sich daran anschließen. Typische Arbeitshaltung des Predigers bzw. Lehrers war das Sitzen (Mt.23,2; 26,55; Lk.5,3).
Jesus „findet“ einen Abschnitt aus dem Propheten Jesaja: Jes.61,1ff. Dort geht es um das endgültige Jobeljahr (vgl. die Auslegung zu Jes.61,1-3). Mit den Worten Worten „heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren“ hat Jesus dieses eschatologische Jobeljahr ausgerufen. Auch in Qumran (11Q13) erwartete man auf dem Hintergrund von 3. Mose 25 und Jes.61 das eschatologische Jobeljahr im Sinne einer umfassenden Befreiung.
Einige Bibelausleger sind der Frage nachgegangen, ob Jesus seine Predigt Jesus zur Zeit eines offiziellen Jobeljahrs gehalten haben könnte. Das ist durchaus möglich – lässt sich aber nicht mit Bestimmtheit sagen.

Aber auch unabhängig davon zeigt Lk.4,16-21: Die Botschaft Jesu ist in ihrem Kern die Botschaft vom Sabbat.
Daher können folgende Aspekte des Wirkens Jesu als Folge der Ausrufung des eschatologischen Jobeljahres verstanden werden:
* Die Krankenheilungen sind Zeichen der Befreiung. Deshalb ist es sachgemäß, wenn Jesus bevorzugt am Sabbat heilt.
* Die Vergebung der Sünden ist eine Art „Schuldenerlass“ – und erinnert so an das Erlassjahr (5. Mose 15,2) und das Jobeljahr (3. Mose 25,10-13).
* An einigen Stellen kommt Jesus auf Schulden im materiellen Sinne zu sprechen. So macht er in der Feldrede deutlich, dass das Verleihen von Geld an „kreditwürdige“ Zeitgenossen nichts Außergewöhnliches darstellt und die Feindesliebe weit mehr verlangt (Lk.6,34.35). Das kann als Parallele zu 5. Mose 15,9f. gelten, wo davor gewarnt wird, im herannahende Erlassjahr einen Grund dafür zu sehen, seinem Mitmenschen kein Geld mehr zu leihen, da eine rechtzeitige Rückzahlung eher unwahrscheinlich ist. Offenbar hat Jesus – gegen den Prosbol – an den Bestimmungen des Sabbatjahres festgehalten.
* Die Aufforderung Jesu, seinen Besitz zu verkaufen und Almosen zu geben (Lk.12,33), kann als Anspielung auf eine Neuverteilung/Rückerstattung des Besitzes im Jobeljahr verstanden werden (3. Mose 25,10).
* Die Aufforderung Jesu, sich nicht um Essen und Trinken zu sorgen, sondern stattdessen auf Gott zu vertrauen (Lk.12,29-31; vgl. Mt.6,25ff.), enthält Anklänge an den Abschnitt über das Jobeljahr im Buch. Auch dort wird die Sorge ums tägliche Brot zum Ausdruck gebracht: „… Was sollen wir im siebten Jahr essen? – siehe wir säen nicht, und unseren Ertrag sammeln wir nicht ein“ (3. Mose 25,20). Gleichzeitig wird angekündigt, dass Gott eine entsprechende Vorsorge treffen wird: „Ich werden im sechsten Jahr meinen Segen für euch aufbieten, dass es den Ertrag für drei Jahre bringt“ (3. Mose 25,21).
* Die Berichte über den „urchristlichen Kommunismus“ (Apg.2,44.45; 4,32-37) können als Umsetzung von Sabbat- und Jobeljahr verstanden werden. Die Aussage „es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte“ erinnert an 5. Mose 15,4: „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein …“