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Alles hat seine Zeit

"Sage mir, was du tust, und ich sage dir, wer du bist." Unter dieser Devise schätzen wir andere Menschen nach ihrem Beruf, ihrer Tätigkeit ein. Mit dem Gehalt steigt häufig auch das soziale Ansehen. Die Folge, um anerkannt zu werden, viel Geld für gehobene Ansprüche zu verdienen oder aus einem vielleicht übersteigerten Verantwortungsgefühl arbeiten viele Menschen bis zum Umfallen. Feierabend und Wochenende kennen sie kaum.

Gott hat die Arbeit gewollt. Er hat sie sogar gesegnet. Auch von der damit verbundenen Anstrengung hat er gesprochen. Aber sie ist nur die eine Seite. Die andere besteht aus Ruhe, Entspannung und einem Freiraum, um innezuhalten, Beziehungen zu unseren Mitmenschen und zu Gott zu pflegen und über den Sinn unseres Lebens nachzudenken.

Gott hat diesen Freiraum gewollt. Dem Auftrag „Sechs Tage sollst du arbeiten“ (2. Mose 20:8) stellt er das großartige Angebot gegenüber: „Der siebte Tag aber soll ein Ruhetag sein.“ (2. Mose 20:10)

Ein Angebot, über das es sich lohnt nachzudenken

Sechstagerennen

Arbeit gab es schon im Paradies (1. Mose 2:15). Zu diesem Zeitpunkt war sie ein harmonischer, angenehmer Bestandteil des Daseins. Aber dann lehnten sich die Menschen gegen Gott auf, die Lebensbedingungen änderten sich, und Arbeit wurde zu einer mühseligen Angelegenheit.

Arbeit wurde eine Überlebensfrage. Den von Dornen und Disteln überwucherten Acker mussten die Menschen mühevoll bearbeiten, um ihm ihre Nahrung abzuringen.

Heute leben nur noch relativ wenige Menschen direkt von Ackerbau und Viehzucht. Aber die meisten von uns kennen dennoch den harten Überlebenskampf. Stress und Hektik sind Folgeerscheinungen des Arbeitsalltags, der von vielen Widerständen und hohen Anforderungen geprägt ist.

Atempause

Ausgleich tut not. Das wissen nicht nur Ärzte und Krankenkassen. Die Freizeitbranche liefert ständig neue Anregungen, die ein Gegengewicht zum eintönigen oder nervenzehrenden Arbeitsalltag schaffen sollen. Wir alle spüren den Bedarf nach Abwechslung und Ausgleich. Dabei ist diese Einsicht gar nicht so neu. Schon in der Bibel ist von regelmäßigen Atempausen die Rede:

„Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun. (2. Mose 20:10)

Ein Tag zum Ausschlafen? Zur Regeneration für die neue Arbeitswoche? Ein erlebnisreiches Kontrastprogramm zum gleichförmigen Alltag? Das wäre schon viel. Aber mit dem Ruhetag möchte Gott uns noch mehr schenken als nur eine kurze Atempause.

Schöpferische Pause

Nicht nur die Arbeit - auch den Ruhetag gab es schon im Paradies. Gott selbst hat ihn eingesetzt:

„Und so vollendete Gott am siebenten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (1. Mose 2:2f)

Ein überraschender Gedanke: Das, was Gott geschaffen hatte – Himmel, Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen – wurde erst mit dem Ruhetag vollendet. Gott selbst ruhte. Er freut sich an seiner Schöpfung und lässt sie an seiner Ruhe teilhaben. Damit macht er ihr ein unschätzbares Geschenk. Er schenkt sich selbst.

Brückenschlag

Mit der Einladung, am Sabbat zu ruhen, schlägt Gott eine Brücke zwischen sich und uns. Dieser Tag macht deutlich: Gott hat die Verbindung nicht abgebrochen. Er überlässt die Welt nicht einfach sich selbst und ihrem ungewissen Schicksal. Gott möchte uns nahe, bei uns sein. Durch seine Gegenwart will er uns segnen und „heiligen“, das heißt zu etwas Besonderem machen.

Durch Jahrtausende haben Menschen diese Erfahrung der Nähe zu Gott machen können. Eindrucksvoll erlebte zum Beispiel das Volk Israel nach seinem Auszug aus Ägypten Gottes liebevolle Fürsorge, die im Ruhetag, dem Sabbat, ihren Ausdruck findet. In den vierzig Jahren ihrer Wüstenwanderung gab Gott den Israeliten ihr „tägliches Brot“. Am sechsten Tag der Woche fanden sie sogar genug Manna für zwei Tage. Und während es sonst sehr schnell verdarb, blieb das Manna von Freitag auf den Sabbat frisch und genießbar. Gott erwartet nicht nur etwas von uns (dass wir den Ruhetag einlegen), er schafft auch die Voraussetzungen, damit wir dieser Forderung – auch heute noch - nachkommen können.

Missverständnis

Über lange Zeit wurde das Angebot eines Ruhetages missverstanden. Man baute sich einen ausgefeilten Verhaltenskatalog zusammen. Wer sich am Ruhetag mit Seife wusch, ein Taschentuch trug, seine Schuhriemen schnürte, zwei Buchstaben schrieb oder zu viele Schritte ging, ‚arbeitete‘ und verletzte damit nach Auffassung vieler frommer Menschen die Sabbatruhe.

Klarstellung

Jesus räumte mit dieser Haltung auf:

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat.“ (Matthäus 2:27f)

Das war provozierend und führte zu erneuten Missverständnisse

Man glaubte, Jesus wollte den Sabbat abschaffen. Ein folgenschwerer Irrtum. Jesus selbst hielt sein ganzes Leben am Sabbat fest. Er besuchte den Gottesdienst, predigte und heilte am Sabbat. (Matthäus 12:9-13) Er ging in die Natur hinaus und freute sich an der Schönheit der Schöpfung (Markus 2:23-28). Für Jesus war der Sabbat geprägt von der Begegnung mit Gott und der Hinwendung zu seinen Mitmenschen.

Jesu erfüllte so den gesetzlichen und freudlosen Sabbat wieder mit Leben. In diesem Sinne sagte er seinen Zeitgenossen:

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ (Matthäus 5:17)

Schrankenlos

Mit dem Sabbat besitzen wir ein äußerst vielseitiges und praktisches Geschenk. Er ist keine Zwangsjacke, sondern bietet Freiheit, und zwar für alle Menschen. Das Gebot bestimmt nämlich ausdrücklich dass niemand am Sabbat arbeiten soll, auch nicht der „Knecht“, die „Magd“ oder der „Fremdling“. Mit dieser Aufforderung werden alle sozialen, rassischen und kulturellen Unterschiede aufgehoben. Es gibt keine Angestellten und Vorgesetzten, keine einheimischen und Gastarbeiter mehr. Aus der Sicht des Sabbats sind wir alle gleich. „Die Segnungen der Erlösung sind nicht dadurch zu genießen, dass andere benachteiligt oder hinten angesetzt werden, sondern vielmehr dadurch, dass man ein reales Interesse an den Menschenrechten und den Bedürfnissen anderer beweist“ (Samuel Bacciocchi. Deine Zeit ist meine Zeit, S. 147)

Sabbat, das ist auch die ständige Erinnerung an die ursprüngliche Vollkommenheit der Schöpfung Gottes. Deshalb haben wir allen Grund diese Welt zu bejahen und kreativ zu gestalten. Dazu gehört der verantwortungsvolle Umgang mit unserer Umwelt, die es zu erhalten und zu pflegen gilt. Richtig verstanden, vermittelt der Sabbat ein „ökologisches Bewusstsein“. Er veranlasst uns auch, der Natur ihre Ruhe zu gönnen, indem wir nicht ständig in sie eingreifen und sie bearbeiten. „Wer sich selbst und die Welt als wesentlichen Bestandteil eines Schöpfungs- und Erlösungsplanes Gottes sieht, wird davor bewahrt, eben diese Erde, deren Herkunft und Schicksal er teilt, auszubeuten oder zu zerstören.“ (Samuel Bacciocchi. Deine Zeit ist meine Zeit, S.226) Umweltbewusstsein nicht aus Angst vor der ökologischen Katastrophe, sondern aus Liebe und Verantwortung dem gegenüber, der sie geschaffen hat.

Tankstelle

Sabbat, das ist die Möglichkeit, sich selbst, dem Nächsten und Gott zu begegnen, sich auf Ursprung, Sinn und Ziel des Lebens zu besinnen. Dass es nicht beim Nachdenken bleiben kann, hat bereits Jesus deutlich gemacht. Innere Ausrichtung auf Gott heißt immer auch Hinwendung zur Welt und zu den Menschen um uns herum. Eine sehr praktische Angelegenheit, die Kraft erfordert. Diese Kraft können wir aus dem Sabbat schöpfen. Woche für Woche.